Klassiker für Kulturbanausen

Zum Deutsch-Abitur in 10 Minuten –

Dank Michael Sommers Weltliteratur to go

Noch nie war Abitur so einfach wie im heutigen digitalen Zeitalter. Referate werden abends noch schnell aus Wikipedia, der Datenbank für faule Schüler, kopiert, der Lehrer checkt es ja (hoffentlich) eh nicht, gerechnet wird nur noch mit dem 200€ teuren Computeralgebrasystem, denn alles andere bereitet nur Kopfschmerzen, und von Romanen und anderer unliebsamer Pflichtlektüre wird allenfalls noch die Zusammenfassung gelesen. Und wem selbst das zu viel des Guten ist, der findet auf YouTube die 10-Minuten-Version von Michael Sommer und seinem Playmobil-Zirkus. Sein Kanal „Sommers Weltliteratur to go“ zählt mittlerweile über 50 Tausend Abonnenten, knapp 200 Klassiker hat der Dramaturg bereits zu Kurzfilmen verarbeitet. Also eine wahre Goldgrube für die Lesemuffel unter den Schülern, die selbst an Gymnasien einen erschreckend hohen Anteil ausmachen. Fraglich bleibt dabei jedoch der pädagogische und didaktische Wert dieser Videos.
Den meisten Schülern gefällt es jedenfalls. So beklagt sich die 16-Jährige Sophie in einem Zeitungsartikel darüber, dass die Sprache in den Originaltexten oft so extrem abgehoben sei, dass sie schwer zu verstehen wären(1). Und offenbar sieht das die Mehrzahl der Schülerschaft ähnlich, was auch der Grund für den exorbitanten Erfolg dieser Kinderspielzeug-Videos zu sein scheint. Doch beim genaueren Darübernachdenken kommt man auch schon fast von selber auf den Schluss, dass eben dies der Zweck der Behandlung dieser Werke im Unterricht ist. Sowohl das Erwerben der Fähigkeit, sich mit umfangreichen und anspruchsvollen, literarischen Texten auseinanderzusetzen und sie zu verstehen und zu erschließen, als auch die Aneignung von Wissen über unsere deutsche Kultur und ihre bedeutenden Werke. Immerhin sollte das Abitur etwas Besonderes für die künftigen Eliten unserer Gesellschaft sein, und nicht ein Massenprodukt für alle diejenigen, die Obacht geben müssen, dass ihnen beim Nickerchen im Unterricht nicht versehentlich das Hirn aus dem Ohr kullert.
Heißt das jetzt, dass diese kleinen Filmchen für alle ambitionierten Schüler keinerlei Mehrwert bieten? Nein!!! Denn so primitiv und ordinär die Idee der tänzelnden Playmobilartisten auch sein mag: Niveaulosigkeit sowie mangelnde Qualität und Kreativität kann man den kindlich ausgestalteten Streifen ja nicht vorwerfen. Und auch wenn man diese vielleicht nicht unbedingt als vorbildlich anspruchsvolles Lehrmaterial bezeichnen kann, sind sie dennoch geeignet, um sich nach den Ferien im Schnelldurchlauf die Handlung schon gelesener Werke wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.
Doch mal ehrlich: Der Prozentsatz der Schüler, die die to-Go-Literatur wirklich zur Wiederholung benutzen, tangiert gegen Null. Den meisten geht dabei doch nur eins durch den Kopf: „Wieso, zum Teufel, sollte ich mich stundenlang durch diesen Sch**ß quälen, wenn ich das auf YouTube in zehn Minuten schaffe?“ Aber eben da liegt das Problem. Denn dann geht der Sinn der Abhandlung im Unterricht verloren. Für die Schüler kommt dabei aber nicht nur der kulturelle und literarische Bildungseffekt abhanden. Die Handlung wird nämlich so stark verkürzt, dass wichtige Zusammenhänge und Details durch die extreme Kompression oft unter den Tisch fallen. Dies trägt dann nicht mehr zu einem besseren, sondern zu einem schlechteren Verständnis des Werkes in seiner Komplexität bei. Ganz davon abgesehen, dass die meisten Lehrer, entgegen der Meinung oder Hoffnung einiger ihrer Zöglinge, auch nicht mehr von gestern sind, und in Lesekontrollen auf eben solche Einzel- und Feinheiten abzielen.
Weiterhin bemüht sich Michael Sommer, seine Geschichten durch lustige Figuren und moderne, leicht zu verstehende Sprache aufzupeppen. So erklärt er beispielsweise in seinem Video zur Märchennovelle Undine, die Figur Bertalda bräuchte Wasser in einem Brunnen, da darin Hyaluronsäure enthalten sei. Zu Zeiten Friedrich de la Motte Fouqués hat natürlich niemand mit diesem Ergebnis moderner Kosmetik etwas anzufangen vermocht (tatsächlich hört selbst heute bei den meisten der „schöngespritzten“, dauergrinsenden, mehr oder weniger lebendigen Botox-Endlager der Wissensstand über Hyaluronsäure noch vor der korrekten Orthographie auf), stattdessen erklärt Fouqué über mehrere Zeilen aufwändig die Pflegewirkung auf Bertaldas Haut. Hinzu kommt, dass Sommer es sich auch nicht verkneifen kann, seine Videos durch  ironische, satirische oder schlichtweg erheiternde Bemerkungen und Kommentare auszuschmücken. In Undine äußert sich das beispielsweise dadurch, dass er anmerkt, er könne seine Zuschauer aufgrund der aktuellen politischen Situation leider nicht mit dem Fischergruß (Petri Heil!) begrüßen oder dass der einzige Fischer, der sich heute noch eine Hütte an einer Landzunge leisten könne, wohl Joschka heiße. Alle diejenigen, die sich vorher aber nicht mit dem Werk beschäftigt haben, kann dies aber auch verwirren. Dann bekommen Lehrer in Arbeiten manchmal wirr-diffuse Antworten zu lesen, wenn der Schüler ganz einfach den Witz nicht verstanden hat, und ihn dann in seinen Gedanken völlig konfus und zusammenhangslos mit in die Handlungsstränge einzuflechten versucht.
Als Quintessenz bleibt: die Spielzeuginszenierung ist zur Wiederholung geeignet, gelesen haben sollte man das Stück aber, selbst wenn man dann mal etwas Zeit und Mühe investieren muss.

verfasst von Nils Roll

 

1 Freie Presse, 23.01.2018, „Wenn Ödipus und Faust online gehen“
Bildquelle: Michael Sommer

Ein Gedanke zu „Klassiker für Kulturbanausen

  1. Um beim Neudeutsch zu bleiben: ich bin geflasht!!!
    Einfach nur wow… und ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr so herzhaft über geschriebene Zeilen gelacht!!! Bitte unbedingt weitermachen???

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